Offizier ist weit mehr als ein Rang – Jubiläum Kantonale Offiziersgesellschaft Thurgau

1826 gegründet feiert die Kantonale Offiziersgesellschaft Thurgau (KOG TG) in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen. Über 200 Offiziere und Gäste folgten auf dem Wolfsberg einem ansprechendem Programm. Bundesrat Martin Pfister blickte in seinem Gastreferat auf die aktuellen innen- und aussenpolitischen Herausforderungen.

Der besonderen Jahreszahl Rechnung tragend versammelten sich die Offiziere und Gäste auf dem altehrwürdigen Schloss Wolfsberg. Die historische Bausubstanz, der unvergleichliche Blick auf den Untersee sowie die moderne Infrastruktur des Kongresszentrums boten den eindrücklichen Rahmen.

Einstimmung mit Napoléon

Die KOG TG wurde 21 Jahre vor der Modernen Eidgenossenschaft gegründet. Der Einfluss Napoléons mit der Besetzung der Schweiz (Helvetische Republik) und der nachfolgenden Mediation bis 1813 waren auch im Zeitalter der Restauration spürbar. Was gerne verschwiegen wird: Ohne die erzwungenen Strukturreformen durch Frankreich wäre die moderne Verfassung und die nachfolgend intensiv einsetzende Industrialisierung der Schweiz nicht möglich gewesen.

Vor diesen Hintergründen ist der Auftritt Napoléons (Thomas Götz) nicht verwunderlich. Der leicht grössenwahnsinnige Geist aus der Geschichte wurde nicht müde, seine politischen, gesellschaftlichen und technischen Leistungen für die Schweiz hervorzuheben. Demgegenüber ging er gekonnt auf die aktuellen Herausforderungen im Rüstungssektor und die nächstes Wochenende anstehenden Abstimmungen ein. Aus seinen Erfahrungen mit anderen Grossmächten könnten heute sowohl bezüglich den USA als auch Russland wichtige Lehren abgeleitet werden.

Reenactment

Die Ausführungen des zweitletzten Kaisers Frankreichs wurden durch den Ehrengeschützzug Frauenfeldstandesgemäss abgeschlossen. Drei Salutschüsse aus einer 10.5 cm Haubitze wurden durch die zeitgenössisch gekleideten Soldaten abgefeuert.

Rauch – Achtung – TOC

Den Höhepunkt des Vorprogramms bildete eine rund 20-minütige Flugdarbietung. Das Subito-Team des Fliegermuseums Altenrhein bot mit seinen drei PC-7 eine eindrückliche Kunstflug-Vorführung. Der fast wolkenlose Himmel bot dazu die eindrückliche Bühne.

Ruth Faller Graf

Nach Beginn des offiziellen Teil der Generalversammlung überbrachte die Vorsteherin des Departements für Justiz und Sicherheit des Kantons Thurgau, Frau Regierungsrätin Ruth Faller-Graf, die Grussworte der Regierung. „Offizier ist mehr als ein Rang“ begann sie ihre Ausführungen. Vielmehr übernähmen Frauen und Männer der Armee Verantwortung, trügen Entscheidungen und wüssten auch für deren Folgen einzustehen. Dies verlange innere Stärke, Integrität, Loyalität und die Bereitschaft, einer Sache zu dienen, die grösser sei als die eigene Person. Sie sei stolz, dass der Thurgau als Brücken- und Grenzkanton solche Menschen hervorbringe.

Präsident Schweizerische Offiziersgesellschaft

Sieben Jahre nach Gründung der KOG TG wurde die Schweizerische Offiziersgesellschaft gegründet. Der aktuelle Präsident in Person von Oberst im Generalstab Michele Moor äusserte sich weitab der üblichen, glattgeschliffenen Kommunikationsinhalte. Auf Stufe der Milizarmee beschäftige ihn aktuell besonders der fehlende politische Wille, die Armee so auszurüsten, damit die Staatsbürger in Uniform ihren verfassungsmässigen Auftrag auch angesichts der veränderten geopolitischen Risikolage erfüllen könnten. „Selbst bürgerliche Mehrheiten im Parlament führen nicht zu einer Behebung dieses Mankos“.

SOG als Mahner

Die SOG versteht sich als Multiplikator der im allgemeinen Diskurs aufkommenden Beschaffungsprozesse und steht bereit, Erklärungsarbeit zu leisten. Um diese Rolle wahrzunehmen müsse man als Offizier und Bürger transparent informiert werden. Anscheinend hatten nur wenige Funktionäre den Beschaffungsvertrag mit Lockheed Martin ganz gelesen. Wer wusste und ab welchem Zeitpunkt, dass die im Abstimmungskampf vertretene Auffassung eines Fixpreises nicht zu halten war? Warum wurde der Gesamtbundesrat erst mit Verzögerung informiert? Welche Bedeutung hat die Koinzidenz der Rücktritte von drei Chargen der obersten Ebene im Jahre 2025? Er erhoffe sich dringend Aufklärung, allenfalls durch die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates.

Statuarischer Teil

Die Geschäfte der Generalversammlung wurden speditiv verhandelt. Ein kurzer Rückblick auf das Vereinsjahr, die Rechnung sowie zwei Bestätigungswahlen stellten die wichtigsten Traktanden dar. Der Präsdient der KOG TG, Oberst Valentin Hasler dankte den beiden Untersektionen OG Bodensee und OG Frauenfeld für den grossen Einsatz, der durch die Komitees jedes Jahr geleistet wird.

Geschichtlicher Rückblick

Oberst im Generalstab Peter Hofer schloss mit einer geschichtlichen Einordnung der Gründung der KOG TG den offiziellen Teil der GV ab. In einer der ersten genauen Karte des Thurgaus, der sogenannten Sulzkarte, sieht er eine Metapher des Thurgaus. Im Norden sei das Grossherzogtum Baden verzeichnet, eine bis heute gültige Referenz, dass der Thurgau ein wichtiger Grenzkanton sei. Abgenommen wurde das Produkt von Henri Dufour, dem späteren General und ab 1838 Vorsteher der Vorläuferorganisation der Schweizer Landestopographie. Ein Hinweis, wie eng die Geschichte des Thurgaus mit jener der modernen Eidgenossenschaft verbunden sei.

Eine kurze Andacht, ein schmackhaftes Dinner und einer geselliger Schlummertrunk rundete den Anlass ab.

Rede Bundesrat Martin Pfister

„Es Bitzli-Öppis reicht nicht aus“ – Bundesrat Martin Pfister besucht Offiziersgesellschaft

Im Rahmen des 200-jährigen Jubiläums der Kantonalen Offiziersgesellschaft Thurgau sprach Bundesrat Martin Pfister am vergangenen Wochenende auf dem Wolfsberg. Die anwesenden Offiziere und Gäste genossen klare Worte des Verteidigungsministers, der vor allem mehr Ambition einforderte.

In der Schweiz werde immer hart um Lösungen gerungen, das gehöre dazu. Eine ausführliche Debatte sei die Voraussetzung für ein gesellschaftlich breit getragenes Verständnis von Massnahmen. Niemand verlange – insbesondere nicht von Staatbürgerinnen und Staatsbürgern in Uniform –, dass zu allem ja gesagt werden müsse, Konsens müsse erkämpft werden. Doch irgendwann sei es nötig, die Argumentationen abzuschliessen, einen Entschluss zu fassen und den Entscheid konkordant mitzutragen.

Scharfes Bild – eigentlich

Heute habe jeder eine Kamera, die gestochen Scharfe Bilder liefere. Die Informationsbeschaffung war noch nie so einfach. Jede und jeder könne hochauflösend erkennen, was wir die letzten 30 Jahre verdrängt haben. Schon der Gründungsname der Kantonalen Offiziersgesellschaft Thurgau als „militärisch-literarischen Verein“ zeuge vom Wert einer vertieften Quellenanalyse.

Gefühl der Dringlichkeit

Aus Pfisters Warte fehle in der Schweiz das Gefühl der Dringlichkeit. Augenscheinlich habe sich die Welt verändert, sie sei unkalkulierbarer, unsicherer geworden. Manche sprechen von einem „geopolitischem Sturm“, der sich mit jeder Handlung der aktuellen Hegemonialmächte verstärke. Die Schweiz könne sich nicht mehr in der windstillen Ecke verbergen. Bewaffnete Neutralität sei den europäischen Nachbar- und Partnerstaaten nur dann überzeugend als Konzept zu vermitteln, wenn wir das Innere Europas, die verkehrs- und energieinfrastrukturellen Achsen, die wissenschaftlichen und dienstleistenden Institutionen schützen könnten. Denn fallen diese aus, sei ganz Europa betroffen.

Neutralität

Diese bedeute nicht Gleichgültigkeit gegenüber Ungerechtigkeit oder Völkerrechtsbrüchen. Sanktionen anderer Staaten gegenüber Übeltätern können auch neutrale Staaten mittragen, ohne auf ein UNO-Mandat angewiesen zu sein. Neutrale Staaten dürften im Angriffsfall die Hilfe von Nachbarstaaten in Anspruch nehmen. Dies müsste aber noch vor dem Ereignis geübt werden können, damit interstaatliche Durchsetzung auch gelinge. Pfister sieht vor diesem Hintergrund die Neutralitätsinitiative kritisch. Diese zeige wohl das Dilemma zwischen humanitärer Tradition, Neutralität, Kriegsmateriallieferung und Souveränität auf. Dieses Spannungsfeld liesse sich nicht ganz auflösen, das sei er sich bewusst. Doch die Forderungen der Intitiative schränkten die Handlungsspielräume der Schweiz unnötig ein, was auch die Ablehnung durch den Bundesrat erkläre.

Unabhängigkeit

Die Bewältigung von Krisen erfordere eine einheimische Rüstungsindustrie. Diese könne aufgrund des kleinen Binnenmarktes niemals ohne Aussenhandel aufrecht erhalten werden. Ausländische Lieferungen würden im Krisenfall nicht prioritär für die Schweiz aufrechterhalten. Mit einer einheimischen Industriebasis seien erst Munitionsproduktion, Herstellung von Ersatzteilen sowie Unterhalt möglich. Pfister sieht diesbezüglich grosse Gefahren bei einer weiteren Verschärfung des Kriegsmaterialgesetzes.

Miliz als Chance

Bewährtes mit Neuem zu verbinden, dies sei die klare Stärke der Milizarmee. Diese bestünde aus Menschen, die mitten in der Gesellschaft stünden. Die eigene Ausbildung und Erfahrung trügen sie in die Armee, aus dieser nähmen sie neue Elemente wieder zurück. Pfister selbst ist Oberst und führte unter anderem ein Rettungsbataillon. Milizkader übernähmen militärische und zivile Verantwortung, blieben aber Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Auf hybride Bedrohungen, ungeahnte Möglichkeiten des Angriffs aus der Distanz und die Entwicklung neuer Abwehrtaktiken müsse reagiert werden. Eingeschlagene Wege müssen in einer Kadenz überdacht werden, die in ihrer Kürze neu sei. Agiliät und Innovationskraft sind zentrale Forderungen zukünftiger Ausrichtungen der Armee.

Mehrwert, Steuer (sic!)

Die Einführung einer befristeten Erhöhung der Mehrwertsteuer sieht Pfister als Sicherheitsbeitrag. Der Mehrwert der Fähigkeit aktuelle und zukünftige Bedrohungen der Schweiz abzuwehren sei nicht gratis zu haben.

 

 

 

 

Fotos

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